Kreuzfahrt und Umweltschutz – Die Fakten

Kreuzfahrtschiffe sind nicht sauber - aber sie sind nicht die Dreckschleudern als die sie immer verschrien werden - Die Fakten (Bild Stieger)

Kaum ein Tourismus-Zweig boomt derzeit so sehr wie Kreuzfahrten. In Häfen wie Hamburg, Kiel, Barcelona oder Civitavecchia gehen täglich Tausende, manchmal gar Zehntausende von Ferienhungrigen an und von Bord immer grösserer Kreuzfahrtschiffe. Allein in Deutschland waren 2018 2.2 Millionen (+ 150 % gegenüber 2008) mit Kreuzfahrtschiffen unterwegs, in der Schweiz waren es rund 150’000. Die Kreuzfahrtindustrie hat einen Anteil von knapp zwei Prozent am internationalen Reiseaufkommen. Nur gerade 0,7 % aller Schiffe auf den Weltmeeren sind Kreuzfahrtschiffe, rund 52’000 sind Handelsschiffe. Ob Kreuzfahrt- oder Handelsschiff: Beide produzieren schädliche Abgase wie Schwefel, Stickoxyd, CO2 und Rußpartikel. Der Erhalt der Destinationen und Weltmeere und somit die Föderung umweltfreundlicherer Kreuzfahrtschiffe liegt im ureigensten Interesse der Reedereien. Deshalb gehen diese mit gutem Beispiel voran und sind Treiber für Innovationen in umweltfreundliche Technologien und Treibstoffe.

Von Hans Stieger, Stiegers Kreuzfahrt Tipps

In letzter Zeit ist es schon fast zur Gewohnheit geworden, dass in TV-Sendungen und Zeitungen über die «Dreckschleuder Kreuzfahrt» geschimpft und gewettert wird. Dabei wird eines – bewusst oder unbewusst – nicht erwähnt: Etwa 52’000 Handelsschiffe sind auf den Weltmeeren unterwegs. Sie transportieren beispielsweise Früchte von Südamerika nach Europa, bringen billige Hemden und Blusen von Asien in unsere Kleiderläden oder andere Güter vom Osten in den Westen. Zum Vergleich: Die Kreuzfahrtindustrie ist mit „nur“ etwas über 400 Schiffen unterwegs, also nicht einmal 0,7 % der gesamten weltweiten Schifffahrt. Aber es ist natürlich einfacher und schlagkräftiger, über die böse Kreuzfahrt zu schimpfen, als über Frachtschiffe, die billige Klamotten und Handys von Fernost nach Europa fahren.

Schweröl verursacht vier Schadstoffe

Gemeinsam ist aber Fracht- und Kreuzfahrtschiffen, dass die überwiegende Zahl noch immer mit Schweröl unterwegs ist. Dieses Schweröl verursacht vier Schadstoffe: Kohlendioxid – CO2 (für die Erderwärmung mitverantwortlich), Schwefeldioxid, Stickoxide NOX und Feinstaub. Der Antrieb mit Schweröl ist allerdings nur noch in diesem Jahr gestattet. Ab 2020 gelten internationale Vorschriften, wonach nur noch Antriebstoffe mit max. 0,5 % Schwefelgehaltanteil erlaubt sind. In der Ostsee ist schon seit einigen Jahren nur noch der sogenannte Marinediesel mit max. 0,1 % Schwefelgehalt erlaubt. Dies klingt eigentlich gut, entspricht aber immer noch der 500 bzw. 200-fachen Schwefelgehaltmenge, wie es in normalen Personenwagen erlaubt ist. In der Ostsee hat sich seit den 2015 eingeführten neuen Höchstwerten die Schwefelkonzentration in der Luft halbiert. Am meisten zum Umweltschutz trägt bei, wenn weniger Treibstoff verbraucht wird. Dank optimierter Routenplanung haben die Kreuzfahrtreedereien den Treibstoffverbrauch pro Passagier um rund 70 % reduzieren können.

CO2-Bilanz ist bei Schiffen besser als beim Straßenverkehr

In diesem Zusammenhang ist es nicht unwichtig die CO2-Bilanz der Kreuzfahrtschiffe anzuschauen. Der Schiffsverkehr hat am weltweiten Ausstoss von CO2 „nur“ einen Anteil von 3 Prozent, Straßenverkehr jedoch 7 Prozent. Und schliesslich: Pro Passagier und transportiertem Gewicht gibt es kein Verkehrsmittel, das weniger CO2 erzeugt als ein Schiff. Trotzdem ist es klar: Die Kreuzfahrt-Industrie hat in der Vergangenheit und auch heute noch, einen nicht unwesentlichen Anteil zur Umweltverschmutzung und Klimaerwärmung beigetragen. Aber: Und dies ist ebenso klar: Kreuzfahrtschiffe sind nicht die Dreckschleudern, als die sie immer wieder dargestellt werden.

Der internationale Kreuzfahrtverband CLIA erklärt: „Nach Erhebungen der CLIA sind bereits 111 der aktuell 253 Schiffe der weltweiten Flotte der CLIA-Mitglieder mit Abgasnachbehandlungssystemen ausgestattet (Stand August 2018). Mehrstufige Abgasreinigungssysteme reduzieren laut Angaben der Hersteller Schwefelemissionen um 99 Prozent, Stickoxide um 95 Prozent und Rußpartikel um 90 Prozent.“

Kritik vom NABU – Kreuzfahrer zahlen einen hohen Preis

Damit nicht zufrieden ist der NABU (Deutscher Naturschutzbund) und schreibt: „Luxusliner machen Träume wahr. Doch dafür zahlen nicht nur die Kreuzfahrt-Teilnehmer einen hohen Preis“ und meint weiter:„Große Kreuzfahrtschiffe sind wie schwimmende Kleinstädte und verbrauchen entsprechend viel Energie. Ihre schmutzigen Abgase – Feinstaub, Ruß, Stickoxide und Schwefeloxide- gefährden Gesundheit, Klima und Biodiversität. Viel zu lange schon genießt die Schifffahrt Ausnahmen, wenn es um effektive Maßnahmen gegen die Luftverschmutzung geht.“

TUI Cruises setzt auf Scrubber

TUI setzt mit seiner Mein Schiff Flotte auf ein kombiniertes Abgasnachbehandlungssystem, bestehend aus einem Abgaswäscher („Scrubber“) und Katalysatoren, welches die Schwefelemissionen um bis zu 99 Prozent, die Stickoxidemissionen um bis zu 75 Prozent und den Partikelausstoß um bis zu 60 Prozent verringert. Die Reederei erklärt: „Mit unserer Abgasnachbehandlung erreichen wir hervorragende Werte, die sogar besser sind als mit Marinediesel.“ Was aus dem Schornstein entweicht ist größtenteils Wasserdampf. Alle TUI-Cruises Neubauten sind für den Einsatz von Landstrom in den Häfen ausgestattet, obwohl aktuell nur wenige Häfen wie etwa Oslo, Kristiansand, Hamburg (Kiel hat für Fähren Landstromanschlüsse und bald auch für Kreuzfahrtschiffe) einen Strom in den Häfen ab der Steckdose anbieten. Die beiden von TUI Cruises für 2024 und 2026 bestellten Kreuzfahrtschiffe werden mit LNG ausgestattet: „Die Entscheidung, die beiden Schiffsneubauten der Flotte mit dem emissionsarmen Flüssigerdgas zu betreiben, ist eine konsequente Weiterführung unserer Umweltstrategie“, erklärt Wybcke Meier, CEO von TUI Cruises.

AIDA setzt auf LNG – ein Schritt in die richtige Richtung

Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit bei Kreuzfahrtschiffen ist ganz klar AIDA. Der deutsche Marktführer hat mit der AIDA Nova das erste Kreuzfahrtschiff in Betrieb, das mit LNG (Flüssigerdgas oder Liquified Natural Gas) betrieben werden kann und damit bis zu 90 % weniger Emissionen verursacht als herkömmliche Treibstoffe. Mit Flüssigerdgas werden die Emissionen von Schwefeloxiden und Feinstaub fast vollständig vermieden, der Ausstoss von Stickoxiden und die CO2-Emissionen verringern sich nachhaltig oder konkret: Stickoxide werden um bis zu 80 Prozent, der CO2-Ausstoss kann um weitere 20 Prozent reduziert werden. Dank Flüssigerdgas ist die Nutzung von Schweröl (in ganz wenigen Ausnahmefällen muss noch wenig Marinediesel mit 0,1 Prozent Schwefelanteil verwendet werden) nicht mehr nötig. Somit entfällt auch ein Abgasreinigungssystem an Bord.

Für den NABU ist LNG ein Schritt in die richtige Richtung, aber noch lange nicht genug. Er erklärt: „Zwar reduziert die Nutzung von LNG die Abgasbelastung erheblich und schafft daher eine echte Verbesserung der Luftqualität, besonders für betroffene Anwohner in Hafenstädten und in Küstennähe. Doch das Flüssiggas ist keineswegs der Heilsbringer für die Schifffahrt, denn auch hierbei handelt es sich um einen fossilen Kraftstoff.“ Hier setzt auch Kreuzfahrt-Experte Thomas P. Illes an und erklärt: «Moderne Gasförderung geht zuweilen mit nicht zu unterschätzenden Umweltbelastungen einher, wie man sie zum Beispiels beim Fracking im Hinblick auf das Grundwasser und die Gesundheit der Menschen im Einzugsgebiet der Förderanlagen zu verzeichnen hat.» Und weiter weist der Schweizer Kreuzfahrtexperte darauf hin, dass es bezüglich der ökologischen Gesamtbilanz doch noch einige Fragen gebe. LNG muss von den Gas-Förderanlagen mit speziellen Tankschiffen zu den Lagern und von dort per Bunkerschiff oder Lastwagen zum Schiff oder Hafen transportiert werden. Aber auch die Häfen müssen mitziehen, denn die Möglichkeit LNG zu tanken ist an den meisten Anlegestellen noch nicht gegeben.

AIDA setzt für seine beiden neuen Kreuzfahrtschiffe (Jungfernfahrten 2021 und 2023) trotzdem weiterhin auf Flüssigerdgas – wie übrigens auch zahlreiche andere Reedereien (aktuell sind 26 LNG-Kreuzfahrtschiffe bestellt, so von Costa Crociere (Costa Smeralda im Herbst 2019), MSC Kreuzfahrten, Carnival (Mardi Gras), Royal Caribbean, Princess Cruises, TUI Cruises, P&O (Iona) und Disney Cruises. Aber wie sagte doch AIDA-Präsident Felix Eichhorn auf der AIDA Nova: „Die AIDA Nova ist das aktuell umweltfreundlichste Kreuzfahrtschiff der Welt. Aber es geht weiter und wir forschen bereits jetzt schon wieder an der nächsten Generation, noch umweltfreundlicherer Kreuzfahrtschiffe.“

Hurtigruten setzt auf Hybrid Technik

Einen Schritt weiter ist Hurtigruten: Im Mai dieses Jahres ist mit der Roald Amundsen das erste Hybridschiff in See gestochen. Die Roald Amundsen kann wie ihr Schwesterschiff Fridtjof Nansen mit einem Elektromotor 30 Minuten lang ohne Kraftstoffverbrauch fahren und damit die besonders sensiblen Regionen in Arktis und Antarktis schützen. Auch die anderen Reedereien werden nachziehen müssen, wenn sie weiterhin die landschaftlich schönen norwegischen Fjorde befahren wollen. Das norwegische Parlament hat entschieden, dass ab 2026 alle Kreuzfahrtschiffe, die nicht mit Hybridantrieb oder LNG betrieben werden, aus den Fjorden verbannt werden. Ziel ist in den beliebten norwegischen Fjorden die Null-Emissionen Kreuzfahrt.

Vermeidung von Lebensmittelabfällen und Reduzierung Wasserverbrauch

LNG, Marinediesel und Scrubber sind aber nur ein Stein – wenn auch ein grosser – im Puzzle gegen die Umweltverschmutzung durch Kreuzfahrtschiffe. Weitere Themen, die den Reedereien am Herzen liegen und auch forciert werden sind die Reduzierung des Wasserverbrauchs, die Abwasserbehandlung, Vermeidung von Lebensmittelabfällen und Müllvermeidung. So betrug beispielsweise der Pro-Kopf-Wasserverbrauch an Bord von einem der 104 Kreuzfahrtschiffe der Carnival Gruppe im letzten Jahr rund 226 Liter. Das sind immerhin 4.8 % weniger als 2010. Und nicht unwesentlich: Dieser Wert liegt über ein Drittel unter dem durchschnittlichen Pro-Kopf-Wasserverbrauch amerikanischer Haushalte (341 Liter pro Tag). Praktisch alle Reedereien verzichten mittlerweile auf Einweg-Plastik. MSC Kreuzfahrten hat beispielsweise Plastikstrohhalme durch 100 Prozent kompostierbare und biologisch abbaubare Produkte ersetzt. 50 Millionen Plastikstrohhalme werden alleine auf den 26 Kreuzfahrtschiffen von Norwegian Cruise Line, Oceania Cruises und Regent Seven Seas Cruises eingespart.

Eines ist bei all den Diskussionen um die Dreckschleudern Kreuzfahrtschiffe klar. Die Reedereien tun einiges für mehr Nachhaltigkeit. Sie investieren Milliarden US-Dollar und Euro in eine umweltfreundlichere Kreuzfahrt. Nicht ausser Betracht gelassen werden darf die CO2-Bilanz der Kreuzfahrt. Schiffsverkehr hat am weltweiten CO2 Ausstoss „nur“ einen Anteil von 3 Prozent, der Strassenverkehr bringt es auf 7 Prozent. Es ist unbestritten, dass die Kreuzfahrt einen nicht unwesentlichen Teil zur Umweltverschmutzung und Klimaerwärmung beigetragen hat, wie generell der Tourismus. Trotzdem: Die Kreuzfahrt geht mit gutem Beispiel voran und ist ganz klar Innovationstreiber innerhalb der internationalen Schifffahrt. Die Kreuzfahrt-Branche hat noch einen langen Weg, die Umweltverschmutzung zu reduzieren. Aber sie hat einiges getan und wird auch in Zukunft noch viel tun, viel investieren, damit Touristen sich weiterhin an der schönsten Urlaubsart ohne Kofferpacken erfreuen können.

Umwelt und Kreuzfahrt – Die Fakten

  • Aktuell verkehren rund 52‘000 Schiffe auf den Weltmeeren. Nur gerade rund 400 oder 0,7 % davon sind Kreuzfahrtschiffe. 99,3 % der Schiffe sind Handelsschiffe, Containerschiffe und Tanker die Waren von A nach B transportieren.

  • Von den dem Kreuzfahrtverband CLIA angeschlossenen Reedereien sind aktuell 111 mit Abgasreinigungssystemen ausgerüstet, für 42 weitere ist die Nachrüstung geplant.

  • 26 von den über 100 aktuell bestellten Kreuzfahrtschiffen sollen mit LNG betrieben werden.

  • Der Kreuzfahrtverband CLIA will die CO2-Emissionen seiner Reedereien bis zum Jahr 2030 um 40 % zu reduzieren.

  • Der Schifffahrts-Anteil am CO2-Ausstoss weltweit beträgt 3 Prozent, der Straßenverkehr bringt es auf 7 Prozent.

  • Die Internationale Maritime Organisation (IMO) hat sich zum Ziel gesetzt bis zum Ende des Jahrhunderts die CO2-freie Schifffahrt zu erreichen.

  • Auch Arnold Donald, CEO der mit über 100 Schiffen weltweitgrössten Kreuzfahrtschiff-Gruppe Carnival (u.a. Costa, AIDA, Cunard, Carnival Cruise) hat das Ziel ausgegeben, bis Ende des Jahrhunderts eine CO2-freie Schifffahrt zu erreichen.

  • Die Kreuzfahrt-Schiffe haben lediglich einen Anteil von 2 % am internationalen Reiseaufkommen.

Für eine sauberere Umwelt müssen wir bereit sein für die Kreuzfahrt mehr zu bezahlen

Es bleibt dabei: Kreuzfahrtschiffe – aber natürlich auch Frachter, Containerschiffe, Flussschiffe und Tanker – müssen effizienter und schädliche Abgase deutlich reduziert werden. Diesen Herausforderungen der Gegenwart, für eine Zukunft in der wir alle weiterhin gesund und gut leben können, müssen sich die Reedereien und wir alle uns stellen. Die Schiffe müssen die technische Energiewende umsetzen, die Häfen müssen die Infrastruktur für neue technologische Errungenschaften bereitstellen und wir alle müssen bereit sein, für eine Banane, Kleider oder ein elektronisches Gerät ein paar Rappen/Cents und für die nächste Kreuzfahrt ein paar Euro/Franken mehr zu bezahlen.




5 Antworten

  1. Vielen Dank für den ausführlichen Bericht mit allem Für und Wider. Hoffentlich lesen den Beitrag viele Menschen. Ich verfolge das Thema Kreuzfahrt mit großem Interesse und mag weitestgehend die tollen Schiffe und es regt mich maßlos auf, wenn Berichte oder dergleichen gebracht werden mit einer total einseitigen und unvollständigen Betrachtungsweise

  2. Kreuzfahrt Blog

    Danke für das Lob. Bleibt leidenschaftliche Cruisers – auch auf meinen Kreuzfahrten war nicht immer alles perfekt, aber das ist es bei Landferien auch nicht immer, gäll….

  3. Kreuzfahrt Blog

    Danke für das Lob

  4. Vielen Dank für den interessanten Artikel. Wir sind leidenschaftliche Cruisers (ca. 40 Kreuzfahrten in alle Regionen) und bekommen oft auch zu hören, dass Cruise Ships nur Dreckschleudern sind.
    Was uns aber viel mehr zu denken gibt, ist die Masse auf den grossen Schiffen mit schlechtem Essen (MSC Musica von Durban nach Venedig) sowie die fehlende Maintenance auf den Schiffen bei z.B. bei defekten Sitzen im Theater, Stühlen auf dem Balkon, dreckige Fenster, so dass man nicht hinausschauen kann, etc. etc. . MSC ist nicht unserer Favorit, obschon wir zweimal sehr gute Erfahrungen gemacht haben. Die Reaktion von MSC auf meine Schilderung der “Umstände” war so nichtssagend, dass wir mit MSC nicht mehr verreisen.

  5. Lieber Hans, ein ausgezeichneter Beitrag, der aufzeigt was wirklich ist. Die Dreckschleuder-Beiträge speziell im Facebook gehen total an den Fakten vorbei und nerven.

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