MSC Boss: „Kreuzfahrten sind aktuell ein Verlustgeschäft“

Pierfrancesco Vago, MSC Cruises Executive Chairman (Foto MSC Kreuzfahrten)

„Im Moment sind Kreuzfahrten ein Verlustgeschäft“, erklärt MSC Cruises Executive Chairman Pierfrancesco Vago im grossen „Sonntags-Blick“ Interview. Er wehrt sich im Gespräch gegen das Vorurteil das Kreuzfahrt-Publikum sei überaltert, kritisiert die Behörden von Venedig, verrät dass schon 16’000 Passagiere nach dem Re-Start mit MSC unterwegs waren und MSC die Krise überstehen werde.

Pierfrancesco Vago ist seit 2013 der Executive Chairman von MSC Cruises. In seiner vorherigen Position als CEO führte er das Unternehmen zu einem über 800-prozentigen Wachstum seit dessen Gründung. Von dem Hauptsitz in Genf aus führt Vago als Executive Chairman die strategische und langfristige Planung des Unternehmens und seiner Tochtergesellschaften.

Er war federführend bei dem branchenweit einzigartigen Flottenausbau, der die nächste Phase von MSCs Wachstum einleitet. Er umfasst die Inbetriebnahme von 17 modernen Kreuzfahrtschiffen zwischen 2017 und 2027, die eine Kapitalinvestition von mehr als 13,6 Milliarden Euro bedeuten. Die Passagierkapazität von MSC Kreuzfahrten wird sich in diesem Zeitraum dadurch verdreifachen. Aktuell umfasst die MSC Flotte 17 Kreuzfahrtschiffe, 10 weitere Schiffe mit einer Kapazität von 1’000 (4 neue Luxusschiffe) bis 7’000 Passagiere sind bis 2027 geplant.

50 Crew-Mitglieder als Notbesatzung für jedes Schiff

Mit der MSC Grandiosa und der MSC Magnifica sind aktuell nur gerade zwei der 17 MSC Kreuzfahrtschiffe auf den Weltmeeren – aktuell nur im Mittelmeer – unterwegs. Die anderen 15 Schiffe liegen mit einer Notbesatzung von je rund 50 Crew-Mitglieder in einem Hafen oder auf Reede.

Um den Re-Start Mitte August zu ermöglichen wurde für Passagiere und Crew ein 500-seitiges Sicherheitskonzept entwickelt. Der wichtigste Pfeiler ist das Testen von jeder Person an Bord. So müssen sich die Crew-Mitglieder gleich dreimal testen lassen. Vor der Abreise in ihrer Heimat, beim Einschiffen, dann verbringen sie 14 Tage in Quarantäne und erst nach dem dritten Test dürfen sie mit der Arbeit an Bord beginnen. Pierfrancesco Vago erklärt im Interview mit dem Sonntags Blick: „Ich halte das Testen für die wichtigste Massnahme überhaupt, damit unsere Welt wieder in eine Art Normalzustand kommt.“ Zu den Landausflügen erklärt Vago, dass alle teilnehmenden Passagiere in ihrer Gruppe bleiben müssten „und so – wie in einer Blase – unter dem Schutz der gleichen Massnahmen wie an Bord stehen.“ Vago verrät auch, dass jeder der die Blase verlasse, nicht mehr zurück aufs Schiff dürfe. So hätte kürzlich jemand die Gruppe verlassen um Freunde in einer Stadt zu besuchen. Lakonisch sagt Vago: „Wir holten das Gepäck von Bord und organisierten die Rückreise.“

Kreuzfahrten sind aktuell nicht kostendeckend – MSC überlebt

Ob MSC aktuell überhaupt kostendeckend fahren könne, wird Vago weiter gefragt. Die Antwort ist klar: „Nein, im Moment sind die Fahrten ein Verlustgeschäft. Jetzt geht es darum, dass wir die Kreuzfahrt wieder aufleben lassen. Die Passagiere, die bisher an Bord gingen, waren glücklich. Einige fragten mich, warum ihre Regierung sie nicht gleich gut schützen könne wie wir auf dem Schiff.“ Nach dem Neustart Mitte August waren bereits 16’000 Passagiere wieder mit MSC unterwegs, 100 Personen wurde die Einschiffung wegen ihres Gesundheitszustandes verweigert.

Pierfrancesco Vago sieht für die MSC Gruppe kein Problem die Corona Krise zu überleben. Kreuzfahrten seien nur ein kleiner Teil der Gruppe, da auch Cargo-Schiffe, Fähren, Häfen und Logistik zu MSC gehören. Die Gruppe als Ganzes verdiene, so Vago gut, die einzelnen Bereiche würden einander helfen. Zudem sei MSC nicht börsennotiert und so müsse man nicht ständig Aktionären Rechenschaft ablegen. Seit das Unternehmen vor 50 Jahren gestartet sei, haben man sich innerhalb der Familie auch nie einen Franken Dividende ausbezahlt, sondern immer den gesamten Gewinn ins Unternehmen investiert.

Pierfrancesco Vago kritisiert die Behörden von Venedig

In der Lagunenstadt Venedig gibt es immer wieder – von der Öffentlichkeit gross beachtete – Kritik gegen die Kreuzfahrtschiffe. Vago erklärt, dass jährlich 30 Millionen Touristen Venedig besuchen, davon seien „nur“ eine Million Kreuzfahrer. Diese tätigten aber zwei Drittel aller Ausgaben von Touristen, indem sie in Hotels übernachteten, Wassertaxis buchen und Souvenirs kaufen würden. Durchschnittlich gibt ein Kreuzfahrt Passagier 150 Euro pro Tag aus. Vago äußert sich dezidiert gegen den Vorwurf, die Kreuzfahrtschiffe wollten durch die Lagune fahren. „Die Kreuzfahrtindustrie hat nie den Wunsch geäußert, vor dem Markusplatz durchzufahren.Wir möchten gerne im Industriehafen Maghera anlegen, aber die Behörden warten nach vielen Jahren mit ihrer Entscheidung immer noch zu.“ Vago erklärt, dass die Kreuzfahrt als Schuldige hingestellt werde, aber in Wirklichkeit sei man Gefangene des Entscheidungsmangels anderer. Man könne die neue Route nur fahren, wenn die Behörden dies genehmigten.

2022 wird es für die Kreuzfahrt wieder sein wie vor der Krise

MSC plant bis 2027 noch weitere zehn Kreuzfahrtschiffe in Betrieb zu nehmen. Bleibt es bei dieser Bestellung? Der MSC Executive Charmain antwortet mit einem klaren Ja. „Die Nachfrage wird zurückkommen. Heute unternehmen erst rund zwei Prozent der europäischen Bevölkerung eine Kreuzfahrt. Da liegt noch viel Potential.“

Pierfrancesco Vago erwartet einen schwierigen Herbst und eine Stabilisierung ab Dezember. 2021 werde vermutlich die Impfung erhältlich sein und 2022 zumindest in der westlichen Welt werde wieder vieles so sein wie vor der Krise.

Das gesamte Interview mit MSC Executive Chairman Pierfrancesco Vago kannst Du hier lesen.

2 Antworten

  1. Wenn es MSC doch gar nicht so schlecht geht, dann frage ich mich warum wir seit Monaten auf unsere Erstattung für die ausgefallene Kreuzfahrt warten, obwohl laut Gesetz die Rückerstattung binnen 14 Tage erfolgen muss. Angeblich liegt es an der Kurzarbeit der Mitarbeiter, Nur wenn es z.b. um eine Neubuchung geht, dann funktioniert das sehr schnell, aber um den Leuten ihr Geld zurück zu überweisen, dafür sind wohl keine Mitarbeiter da, die sich die Zeit nehmen können. Zahlt mir endlich meine 4108€ zurück,

  2. Ich finde es gemein und unfair, dass man an einer Weltreise festhält, obwohl diese Reise nie so stattfinden kann, wie man diese gebucht hat. Die Ausflüge sind nicht buchbar, ist doch klar, weil man ja nirgends anlegen kann. Dann wurde noch das Schiff gewechselt, also finde ich das Ganze als Vertragsbruch. MSC sieht das nicht so und man bleibt als kleiner Passagier auf den Anzahlungskosten sitzen, obwohl MSC weiß, dass sie die Weltreise 2021 nie so einhalten kann wie beschrieben. Wahrscheinlich schippert man dann 4 Monate auf See herum. Das ist nicht die Reise, die ich gebucht habe, also liebe MSC überweisen sie mir mein Geld retour.

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