Wer sein Trinkgeld bereits vor der Kreuzfahrt bezahlt hat, wird bei Carnival Cruise Line künftig sichtbar gekennzeichnet. Mit einem «Crew Love»-Sticker auf der Bordkarte bedankt sich die US-Reederei bei diesen Gästen. Doch die Aktion sorgt für Kritik. Denn wer keinen Aufkleber trägt, könnte schnell als knausrig gelten. Dabei sagt der Sticker eigentlich gar nichts darüber aus, ob jemand Trinkgeld gibt oder nicht.
Trinkgeld gehört auf Reisen in vielen Ländern ganz selbstverständlich dazu. Doch kaum ein Thema sorgt unter Kreuzfahrtgästen für so unterschiedliche Meinungen. Während in Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern Trinkgeld vor allem als freiwillige Anerkennung für guten Service verstanden wird, hat es in den USA einen ganz anderen Stellenwert. Dort gehört es zum festen Bestandteil der Entlöhnung vieler Mitarbeitenden im Dienstleistungsbereich.
Auch auf Kreuzfahrtschiffen gelten unterschiedliche Regeln. Bei einigen Reedereien ist das Trinkgeld bereits im Reisepreis enthalten, bei anderen wird täglich eine Pauschale auf das Bordkonto gebucht. Wieder andere überlassen es ihren Gästen, ob und wie viel sie geben möchten.
Jetzt sorgt Carnival Cruise Line mit einer ungewöhnlichen Idee für Gesprächsstoff: Die US-Reederei kennzeichnet Gäste, die ihre Trinkgeldpauschale bereits vor Reisebeginn bezahlt haben, mit einem speziellen Aufkleber auf der Bordkarte.
«Crew Love»: Wer im Voraus bezahlt, bekommt einen Sticker
Die Initiative trägt den Namen «Crew Love». Gäste, die ihre Trinkgeldpauschale vor der Kreuzfahrt begleichen, erhalten einen Sticker mit der Aufschrift:
«Crew Love. I pre-paid my gratuities.»
Übersetzt bedeutet das: «Crew-Liebe. Ich habe mein Trinkgeld im Voraus bezahlt.»
Der Aufkleber wird auf der Bordkarte angebracht. Zusätzlich erhalten die betreffenden Gäste eine Dankeskarte in ihrer Kabine.
Nach Angaben von Carnival Cruise Line soll damit die Grosszügigkeit der Gäste gewürdigt werden. Die Reederei möchte den Mitarbeitenden an Bord zeigen, welche Passagiere ihre Trinkgelder bereits im Voraus bezahlt haben.
Gegenüber dem Kreuzfahrtportal «Cruise Critic» bestätigte Carnival, dass die Aktion Teil eines grösseren Pilotprojekts ist. Man sammle Rückmeldungen und werde die Erfahrungen anschliessend auswerten.
Die Idee klingt zunächst nach einer kleinen Aufmerksamkeit. Doch bei vielen Kreuzfahrtgästen kommt sie alles andere als gut an.
Kein Sticker bedeutet nicht, dass kein Trinkgeld bezahlt wird
Genau hier liegt der grösste Kritikpunkt: Der Aufkleber macht für andere Gäste und möglicherweise auch für die Crew sichtbar, wer seine Trinkgeldpauschale bereits vor der Reise bezahlt hat.
Was der Sticker allerdings nicht verrät: Ob ein Gast am Ende der Kreuzfahrt überhaupt Trinkgeld bezahlt.
Denn bei Carnival Cruise Line wird die Trinkgeldpauschale auch dann automatisch auf das Bordkonto gebucht, wenn sie nicht im Voraus beglichen wurde. Die Gäste können den Betrag allerdings vor Reiseende beim Gästeservice anpassen lassen.
Der Sticker unterscheidet somit lediglich zwischen Vorauszahlung und späterer Abrechnung. Er sagt nichts darüber aus, ob jemand grundsätzlich bereit ist, die Crew für ihren Service zu entschädigen.
Trotzdem befürchten Kritiker, dass Gäste ohne Aufkleber schnell als knausrig abgestempelt werden könnten. Auch die Sorge, dass Mitarbeitende Gäste mit Sticker möglicherweise bevorzugt behandeln, wird in sozialen Medien diskutiert.
Wird guter Service künftig am Sticker erkannt?
Besonders interessant sind die Reaktionen in den sozialen Netzwerken. Unter einem TikTok-Video zur Aktion äussern sich zahlreiche Kreuzfahrtfans kritisch.
Ein Kommentar lautet: «Sticker sind für Kinder und nicht, um Gäste blosszustellen.»
Ein anderer Nutzer bezeichnet die Aktion schlicht als «billig».
Auch die Frage nach einer möglichen Bevorzugung durch die Crew beschäftigt die Passagiere. Ein Gast schreibt, er habe das Gefühl, an Bord schlechter bedient worden zu sein, weil er keinen Sticker getragen habe.
Andere sehen das Ganze deutlich entspannter. Ein Nutzer begrüsst die Aktion sogar und berichtet: «Das ist die beste News für mich! Ich zahle mein Trinkgeld auf Kreuzfahrten immer im Voraus und bemerke dabei, dass ich einen besseren Service bekomme.»
Ob diese Erfahrungen tatsächlich mit dem Sticker zusammenhängen, lässt sich natürlich nicht beurteilen. Carnival selbst betont, dass die Crew allen Gästen einen hervorragenden Service bieten soll.
Was kostet das Trinkgeld bei Carnival Cruise Line?
Die Trinkgeldpauschale ist bei Carnival Cruise Line nicht freiwillig im eigentlichen Sinne. Wer sie nicht vorab bezahlt, bekommt sie während der Reise automatisch auf das Bordkonto gebucht.
Seit der Anpassung im April 2026 gelten folgende Tagespauschalen:
| Kabinenkategorie | Trinkgeld pro Person und Tag |
|---|---|
| Standardkabine | 17 US-Dollar |
| Suite | 19 US-Dollar |
Bei einer siebentägigen Kreuzfahrt summiert sich das auf 119 US-Dollar pro Person in einer Standardkabine beziehungsweise 133 US-Dollar in einer Suite.
Das entspricht ungefähr 97 beziehungsweise 109 Franken.
Gerade bei Familien oder längeren Kreuzfahrten kommt so schnell ein beachtlicher Betrag zusammen. Es lohnt sich deshalb, diese Kosten bereits bei der Reiseplanung einzukalkulieren.
Trinkgeld auf Kreuzfahrten: Jede Reederei hat ihre eigenen Regeln
Die Trinkgeldpolitik unterscheidet sich von Reederei zu Reederei erheblich. Grundsätzlich lassen sich drei Modelle unterscheiden:
-
Im Reisepreis enthalten: Die Trinkgelder sind bereits inklusive. Ein zusätzliches persönliches Dankeschön bleibt möglich.
-
Automatische Tagespauschale: Das Trinkgeld wird täglich pro Person auf das Bordkonto gebucht. Die Höhe hängt häufig von der Kabinenkategorie ab.
-
Freiwilliges Trinkgeld: Die Gäste entscheiden selbst, ob und wie viel sie geben möchten (z.B. Phoenix Reisen oder Hapag-Lloyd Cruises).
Bei der rechtlichen Beurteilung kommt es zudem darauf an, über welchen Veranstalter und nach welchen Vertragsbedingungen Du buchst. Ein Urteil des deutschen Bundesgerichtshofs aus dem Jahr 2015 stellte klar, dass verpflichtende Preisbestandteile bei entsprechenden Pauschalreisen in den Gesamtpreis einzurechnen sind. Bei Buchungen über ausländische Reedereien können andere Regelungen gelten.
AIDA und Mein Schiff: Trinkgeld bereits inklusive
Bei AIDA Cruises und TUI Cruises mit ihrer Mein-Schiff-Flotte ist das Trinkgeld bereits im Reisepreis enthalten. Eine zusätzliche Tagespauschale fällt nicht an.
Wer sich trotzdem persönlich bei einem Crewmitglied bedanken möchte, kann das natürlich tun.
AIDA schreibt dazu: «Wenn Sie aussergewöhnlichen Service mit einem persönlichen Trinkgeld anerkennen möchten, können Sie am Abreisetag die Trinkgeldumschläge an der Rezeption dafür nutzen.»
Auch TUI Cruises verfolgt eine ähnliche Philosophie. Auf Mein Schiff müsse man sich «keine Gedanken um Trinkgelder machen, da sie schon im Reisepreis enthalten sind». Für ein persönliches Dankeschön steht ebenfalls ein spezieller Trinkgeldumschlag zur Verfügung.
Bei diesen Reedereien wird das Trinkgeld automatisch berechnet
Vor allem die grossen amerikanischen Reedereien setzen auf eine tägliche Trinkgeldpauschale. Diese wird automatisch dem Bordkonto belastet. In höheren Kabinenkategorien und Suiten fällt sie in der Regel entsprechend höher aus.
Die folgenden Beträge gelten gemäss den vorliegenden Angaben für November 2026:
| Reederei | Standardkabine | Suite |
|---|---|---|
| Carnival Cruise Line | 17 US-Dollar | 19 US-Dollar |
| Celebrity Cruises | 19,50 US-Dollar* | 24,50 US-Dollar |
| Royal Caribbean | 18,50 US-Dollar | 21 US-Dollar |
| Norwegian Cruise Line | 20 US-Dollar | 25 US-Dollar |
| MSC Cruises (Karibik und Alaska) | 17 US-Dollar | 23 US-Dollar |
Bei Celebrity Cruises gelten für Concierge Class und AquaClass 20,50 US-Dollar pro Person und Tag. Für The Retreat beträgt die Pauschale 24,50 US-Dollar.
Vorauszahlung ist nichts Neues – der Sticker schon
Dass Kreuzfahrtgäste ihre Trinkgeldpauschale bereits vor der Reise bezahlen können, ist übrigens keine Besonderheit von Carnival Cruise Line. Auch andere Reedereien, darunter Royal Caribbean und Princess Cruises, bieten diese Möglichkeit an.
Neu ist vor allem, dass Carnival diese Entscheidung mit einem sichtbaren Aufkleber auf der Bordkarte öffentlich macht.
Und genau das wirft Fragen auf: Muss eine freiwillige Vorauszahlung tatsächlich mit einem Sticker belohnt werden? Oder entsteht dadurch nicht vielmehr eine unnötige Zweiklassengesellschaft unter den Passagieren?
Meine Einschätzung: Eine fragwürdige Idee mit Diskussionspotenzial
Trinkgeld ist ein sensibles Thema. Gerade auf Kreuzfahrtschiffen, wo die Crew häufig rund um die Uhr für das Wohl der Gäste arbeitet, verdient guter Service selbstverständlich Anerkennung.
Dass Carnival Cruise Line Gäste würdigen möchte, die ihre Trinkgeldpauschale bereits vor Reisebeginn bezahlen, ist grundsätzlich nachvollziehbar. Die Umsetzung mit einem öffentlich sichtbaren Sticker auf der Bordkarte halte ich allerdings für fragwürdig.
Denn ein Gast, der seine Trinkgelder erst während der Reise bezahlt, ist deshalb nicht weniger grosszügig. Und wer eine Pauschale nicht im Voraus begleichen möchte, hat dafür möglicherweise ganz praktische Gründe.
Noch problematischer wäre es, wenn durch die Aufkleber tatsächlich der Eindruck entsteht, dass Gäste mit Sticker einen besseren Service erwarten dürfen oder sogar erhalten.
Guter Service sollte auf einem Kreuzfahrtschiff für alle Gäste selbstverständlich sein – unabhängig davon, ob das Trinkgeld bereits vor der Reise bezahlt wurde oder erst am Ende auf der Bordrechnung erscheint.









