Es sollte die grösse Erfüllung sein: Den Alltag hinter sich lassen, das Ticket für die Ewigkeit lösen und nie wieder Koffer packen müssen. Statt den Lebensabend im ruhigen Sessel zu Hause oder im Altersheim zu verbringen, wollten Hunderte Menschen auf den Ozeanen der Welt zu Hause sein. Doch für die Passagiere der «Villa Vie Odyssey» hat sich dieser grosse Traum in einen grausamen Albtraum verwandelt. Mitten in Kambodscha endete die Weltreise abrupt – und über 200 Menschen standen von einer Sekunde auf die andere vor dem Nichts.
Der steile Weg in die Sackgasse: Wenn die Realität den Traum einholt
Vor zwei Jahren stach das in die Jahre gekommene Schiff von Belfast aus in See. Das Versprechen des Betreibers Villa Vie Residences klang verlockend: ein schwimmendes Zuhause, das in dreieinhalb Jahren alle sieben Kontinente und über 400 Häfen ansteuern sollte. Um diesen Traum zu finanzieren, gaben viele Menschen ihr bisheriges Leben auf. Sie verkauften oder vermieteten ihre Häuser, lösten ihr Hab und Gut auf und investierten sechststellige Beträge – von rund 120’000 bis hin zu fast 440’000 US-Dollar –, um den Rest ihres Lebens auf den Wellen zu verbringen.
Doch hinter der glitzernden Fassade brobelte es gewaltig. Technische Mängel, monatelange Verzögerungen im Trockendock, Streitigkeiten über Kabinenlärm und eine zu geringe Auslastung machten dem Projekt von Anfang an zu schaffen. Der finale, vernichtende Schlag folgte jedoch durch den Krieg im Iran: Die globalen Treibstoffkosten schossen astronomisch nach oben – von zuvor durchschnittlich 700 US-Dollar pro Tonne auf unglaubliche 2’000 bis 3’000 US-Dollar. Für das Unternehmen war das der finanzielle Ruin; die Verluste waren nicht mehr abzufedern.
Schock in Sihanoukville: Sieben Stunden, um das Leben zu packen
Die Hiobsbotschaft traf die Bewohner im kambodschanischen Hafen von Sihanoukville wie ein Keulenschlag. Ohne Vorwarnung oder realistische Perspektiven wurden die Passagiere aufgefordert, das Schiff innerhalb von nur sieben Stunden zu räumen.
Der stellvertretende Provinzgouverneur Long Dimanche zeigte sich fassungslos über dieses Vorgehen. Er beklagte öffentlich, dass zahlreiche ältere Menschen völlig unverschuldet, tausende Meilen von ihren Heimatländern entfernt, obdachlos zurückgelassen wurden. Von den insgesamt 203 Passagieren und 156 Besatzungsmitgliedern mussten viele in provisorischen Hotels unterkommen, während andere fluchtartig und mit schwerem Herzen das südostasiatische Land verliessen.
Die Schicksale an Bord der Odyssey: Zwischen zerstörten Lebenswerken und unbezahlbaren Erinnerungen
Hinter den trockenen Zahlen verbergen sich zutiefst berührende menschliche Schicksale. Jeder an Bord hatte seine eigene Geschichte, seinen eigenen Mutausbruch gewagt, um noch einmal etwas völlig Neues zu beginnen.
Holly Hennessy und ihr treuer Begleiter
Die 70-jährige US-Amerikanerin Holly Hennessy hatte alles auf eine Karte gesetzt. Sie verkaufte ihr Haus, um ihren Lebensabend dauerhaft auf dem Schiff zu verbringen – immer an ihrer Seite: ihre Siamkatze Captain. Nun sitzt sie mit ihrer Katze in einem Hotel in Sihanoukville fest. Gegenüber der niederländischen Zeitung Algemeen Dagblad schilderte sie die bittere Realität mit einer fast schmerzhaften Sachlichkeit: „Es ist kein Geld mehr da, also können sie auch nichts zurückgeben.“ Eine Rückerstattung für ihre dauerhafte Wohnkabine erwartet sie nicht. Doch trotz des abrupten und schmerzhaften Endes bewahrt sie sich ihre Würde und blickt erstaunlich versöhnlich zurück. Besonders die enge Verbundenheit zur Crew berührt sie zutiefst: Die Besatzung habe ihnen bis zur letzten Minute beim Verlassen des Schiffes beigestanden, auch wenn ihre eigene Zukunft nun völlig offen ist.

So lässt es sich vier Jahre leben: Suite auf der Villa Vie Odyssey (Foto Villa Vie Odyssey)
„Die Erinnerungen sind unbezahlbar.“ Randy Cassingham und der Millionentraum
Auch das US-Paar Randy Cassingham und seine Frau hatten alles investiert – rund eine Million US-Dollar zahlten sie, um 15 Jahre lang die Welt zu bereisen. Statt Freiheit und Meer erlebten sie eine von Problemen geplagte Odyssee. Cassingham sprach in seinem Blog offen von einer erdrückenden „Kaskade von Problemen“ und warf der Reederei vor, die Bewohner zuletzt schmählich im Stich gelassen zu haben. Und dennoch: Das Abenteuer selbst möchte er nicht missen. Er zieht das erstaunliche Fazit, dass es trotz allem eine grossartige Zeit war.
Lanette Canen und Johan Bodin: Abschied von Hawaii
Das Ehepaar gab für den grossen Traum auf See sogar sein florierendes Autogeschäft und seine Heimat auf Hawaii auf. 15 Jahre lang wollten sie auf der «Odyssey» leben, verbunden mit der Welt über Instagram. Nun ist dieser Traum nach zwei stürmischen Jahren abrupt zerbrochen. Auch sie wissen, dass von den 100’000 Dollar für ihre Kabine kein Cent zurückflliessen wird.
Der „Bösewicht“ Mikael Petterson und ein gescheiterter Lebenstraum
Firmengründer Mikael Petterson gestand im Interview mit gebrochener Stimme: „Ich fühle mich schrecklich. Sie verlassen sich darauf, dass ich hier die Entscheidungen treffe, und ich konzentriere mich auf nichts anderes. Ich bin der Bösewicht in dieser Geschichte.“
Bis zuletzt habe er verbissen verhandelt, doch als der letzte rettende Investor in letzter Sekunde absprang, brachen alle Dämme. Dem Unternehmen droht nun die Insolvenz. Petterson beteuerte gegenüber dem Axel Springer Global Reporters Network, alles Menschenmögliche zu tun, um den gestrandeten Bewohnern in dieser dunklen Stunde beizustehen.
Die Geschichte der Villa Vie Odyssey ist das Drama von Menschen, die den Mut hatten, noch einmal ganz neu anzufangen
Die Geschichte der «Villa Vie Odyssey» ist mehr als nur das wirtschaftliche Scheitern eines ehrgeizigen Projekts. Sie ist das Drama von Menschen, die den Mut hatten, noch einmal ganz neu anzufangen – und nun vor den Trümmern ihres selbst gewählten Zuhauses stehen. Was bleibt, sind tiefe Enttäuschung, verlorene Ersparnisse, aber bei vielen auch die Erinnerung an Momente echter Freiheit auf den Weltmeeren.









