Auge in Auge mit Pinguinen und Eisbären

Sandra Walser, Fahrtleiterin auf Expeditionskreuzfahrten: "Pinguine sind sehr neugierige Wesen und kennen im Umgang mit uns Menschen keine Regeln." (Foto Nicolas Gildermeister)

Heute im Sonntags-Interview: Sandra Walser (Fahrtleiterin auf Expeditionskreuzfahrten) ist seit 2009 vier bis sechs Monate pro Jahr beruflich bei den Eisbären und Pinguinen unterwegs.

2004 sind Sie erstmals in Richtung Norden gereist, über den Polarkreis hinaus. Was war der Anlass für diese Reise nach Island und Grönland?

Sandra Walser: Ich habe mir damit einen Kindheitstraum erfüllt. Ausgelöst wurde dieser durch das Bilderbuch «Kinder des Nordlichts von Ingrid und Edgar Parin d’Aulaire, das in Lappland spielt. Ich habe es im Kindergarten entdeckt und war sofort fasziniert. Die erwähnte Reise gönnte ich mir als Belohnung für die bestandenen Lizprüfungen an der Universität Zürich, wo ich Geschichte und Filmwissenschaft studierte.

… und Sie wurden vom Polarvirus infiziert.

Ja, was ich in Island und vor allem in Grönland sah und erleben durfte, überstieg meine kühnsten Träume. Die Landschaften und Menschen haben mein Innerstes berührt.

Das Eis «lebt»: Es kracht, knarrt, bricht und zischt

Was macht eine Expeditionskreuzfahrt in Arktis und Antarktis so attraktiv? Ausser viel Eis gibt es doch nicht viel zu sehen.

Das täuscht! Die Polargebiete sind äusserst vielfältig und halten so einige Überraschungen parat. Da ist zum Beispiel diese Weite, eingebettet in eine überwältigende Stille. Man spürt, wie klein der Mensch ist. Es gibt auch viel (Tier-)Leben! Selbst das Eis «lebt»: Es kracht, knarrt, bricht und zischt und ist ständig in Bewegung.
Eine Expeditionskreuzfahrt wird immer von mehreren Guides wie mir begleitet und eine unserer Aufgaben ist es gewissermassen, in vielerlei Hinsicht das Bewusstsein und die Sinne der Gäste zu schärfen, indem wir unsere eigene Leidenschaft für die Antarktis oder die Arktis mit ihnen teilen. Beispielsweise mögen bestimmte Tiere oder auch Pflanzen auf den ersten Blick nicht zu entdecken sein, das macht sie dann, wenn man sie denn sieht, umso faszinierender. Auch die Geschichte hinter bestimmten Orten kann deren Erleben komplett verändern. Und es sind unter anderem genau diese «Aha-Momente» der Gäste, die mich antreiben.

Auf einer Reise sind Sie rund 16 Stunden pro Tag sehr direkt mit den Passagieren zusammen. Auf einem Expeditionsschiff, das mit einer Kapazität von rund 100 Gästen vergleichsweise klein ist, gibt es kaum Rückzugsmöglichkeiten – wird Ihnen die Nähe nicht manchmal zu viel?

Würde ich nicht gerne mit Menschen arbeiten, hätte ich den falschen Beruf gewählt! Aber tatsächlich ist die beschriebene Situation nicht immer eine einfache. Mit der Zeit entwickelt man aber Techniken, die einem helfen, mit dieser konstanten Nähe umzugehen. Man lernt auch, sehr gut auf sich zu hören. Das A und O ist, die Pausen optimal zu nutzen. Das kann auch bedeuten, mal einen tollen Abend unter der Mitternachtssonne auszulassen und schlafen zu gehen – auch wenn es einem sehr schwer fällt.

Polargebiete sind nicht so kalt, wie viele denken

Die Arktis und Antarktis sind kalte Regionen. Mögen Sie die Kälte?

Ich bin eigentlich ein «Gfrörli»! Meine Lieblingstemperatur ist 23 Grad – also weder zu heiss noch zu kalt. Aber an sich gibt es keine «Kälte» oder «schlechtes Wetter», nur schlechte Kleider. Ich trage halt einfach eine Merino-Schicht mehr als andere. Sofern ich richtig angezogen bin, sind klirrend kalte Tage mit Sonnenschein und Frostglitter in der Luft meine Lieblingstage. Allerdings ist hinzuzufügen, dass die meisten Reisen in die Polargebiete im Sommer stattfinden, was heisst, dass sich die Temperatur in der Regel um den Gefrierpunkt bewegt. Es ist also nicht so kalt, wie viele denken.

Eisbären sind Raubtiere, deshalb beobachtet man sie immer mit Abstand und vom Schiff oder einem Zodiac aus. An Land gilt es eine Begegnung zu vermeiden. Wie sieht es mit Pinguinen aus? Haben Sie schon «mit Pinguinen in der Antarktis getanzt»?

Um ein möglichst verantwortungsvolles Erlebnis zu gewährleisten, ist der Polartourismus stark reglementiert, in der Antarktis übrigens noch stärker als in der Arktis. Es geht etwa um operative Richtlinien oder den Standard der Schiffe. Ein weiterer wichtiger Punkt betrifft Tierbeobachtungen: Etwa sind Minimaldistanzen vorgegeben und auch ein bestimmtes Verhalten, das von Tierart zu Tierart und auch im Jahresverlauf variiert. Die Pinguine sind jedoch sehr neugierige Wesen und kennen im Umgang mit uns Menschen keine Regeln. Sie haben grundsätzlich auch keine Angst vor uns, weil sie an Land keine natürlichen Feinde kennen. Wenn man sich also ruhig verhält, sich Zeit nimmt, sich hinsetzt und respektvoll beobachtet, dann kommt es zu sehr schönen und «federnahen» Begegnungen.

Ein wohl unbeschreibliches und unvergessliches Erlebnis: Sandra Walser inmitten Tausender Pinguine in der St. Andrews Bay - Südgeorgien (Foto Jamie Watts)

Ein wohl unbeschreibliches und unvergessliches Erlebnis: Sandra Walser inmitten Tausender Pinguine in der St. Andrews Bay – Südgeorgien (Foto Jamie Watts)

“Ich wehre mich gegen das weit verbreitete Bild des dekadenten, unreflektierten, völlig konsumorientierten Polarkreuzfahrers”

Expeditions-Kreuzfahrten sind in Bezug auf den Umweltschutz immer wieder Gegenstand von Kritik. Was entgegnen Sie, wie können Sie eine polare Kreuzfahrt verantworten?

Dieses Thema beschäftigt mich natürlich stark. Tourismus verändert immer, egal wo. Nehmen Sie Island vor 15 Jahren, Thailand vor 30 Jahren oder die Adria vor 50 Jahren oder Zermatt vor 120 Jahren – bevor dort der (Massen-)Tourismus einsetzte, sahen diese Landschaften anders aus.
Der Tourismus ist einer der weltweit wichtigsten Wirtschaftszweige, immer mehr Menschen wollen reisen. Auch der Polartourismus boomt und steht damit für mich ganz klar vor der grössten Herausforderung in seiner über 120-jährigen Geschichte. Es ist ein Punkt erreicht, an dem man sehr genau darüber nachdenken muss, wie es weitergeht. Und das wird auch getan.
Gleichzeitig beobachte ich, dass die Polargebiete, in denen die Natur so stark im Vordergrund steht, etwas mit einem machen, jedenfalls mit den meisten. Ich weiss von vielen Leuten, die durch eine Reise in die Arktis oder in die Antarktis ein ausgeprägteres oder überhaupt erst ein Bewusstsein für den Klimawandel oder das Plastikmüllproblem bekommen und etwas an ihrem Lebensstil verändert. Das liegt auch an der Arbeit von uns Guides. Ich möchte den Widerspruch nicht weg reden, der einer jeden Reise – egal wohin – anhaftet. Aber ich wehre mich gegen das weit verbreitete Bild des dekadenten, unreflektierten, völlig konsumorientierten Polarkreuzfahrers, die eine Schneise der Verwüstung hinter sich zurücklässt. Dieses Bild ist schlicht falsch.
Jede und jeder muss für sich selbst die Rechnung machen und abwägen, was sie oder er mit sich  vereinbaren kann. Ich für mich erachte es als eine sinnvolle Aufgabe, mit meiner über 10-jährigen Erfahrung den Reisenden und auch neuen Guides zur Seite zu stehen, wenn es darum geht, die Polargebiete möglichst verantwortungsbewusst und auch sicher zu entdecken. Sollte sich der Charakter des Polartourismus aufgrund des Booms grundlegend verändern, dann werde ich Konsequenzen ziehen müssen.

Sie haben es erwähnt, das Polartourismus ist fast so alt wie der Tourismus selber. Sie haben zu einer der ersten Reisen auch ein Buch geschrieben. Was erwartet die Leserin oder den Leser in «Auf Nordlandfahrt – 1896 von Hamburg nach Spitzbergen»?

Das Buch basiert auf historischen Quellen und führt – in Text und Bild – zurück in die wilden Anfangszeiten des Polartourismus. Es soll einen mitnehmen auf eine lustvolle Kopfreise durch Raum und Zeit und bis ans «Ende» der 1896 bekannten Welt. Protagonist ist Hans Beat Wieland, ein bekannter Schweizer Maler, der als 29-jähriger an der visionären Fahrt teilnehmen konnte und so gar nicht in die illustre Gesellschaft an Bord passte. Die Touristengruppe traf übrigens auch die tollkühne Nordpolexpedition des Schweden Salomon A. Andrée. Dieser spannenden Begegnung ist ein umfangreiches Kapitel gewidmet.

Tränenreiche Begegnung mit Kaiserpinguinen

In diesem Jahr sind alle Ihre Arktis- und Antarktisreisen der Pandemie zum Opfer. Wann starten Sie 2021 zu Ihrer ersten Polar-Kreuzfahrt?

Ich bin vorsichtig optimistisch, dass im Sommer wieder Reisen möglich sind, natürlich unter neuen Vorzeichen. Mein erster Einsatz ist für Juli in Kanada und Alaska geplant, dann soll es noch nach Spitzbergen und Ostgrönland gehen. Ich hoffe sehr, dass es klappt, denn ich vermisse insbesondere die arktischen Landschaften, meine Kolleginnen und Kollegen – und auch den Austausch mit den Gästen aus aller Welt. Infos zu den geplanten Reisen hier.

Zum Schluss noch die Frage nach Ihrem persönlich Kreuzfahrt-Highlight?

Meine erste Antarktisreise 2006 an Bord eines russischen Eisbrechers werde ich nie vergessen. Einerseits trafen wir auf sehr herausfordernde Eisverhältnisse und waren sogar 24 Stunden eingeschlossen. Andererseits hatten wir das Privileg, an zwei Tagen eine Kaiserpinguinkolonie zu besuchen. Als ich diese Tiere, die ich bis dahin nur aus dem Fernsehen kannte, zum ersten Mal sah, hörte und auch roch, flossen die Tränen.

Weitere Informationen über Sandra Walser unter www.sandrawalser.ch. Dort kann im Online-Shop das Buch von ihr “Auf Nordlandfahrt – 1896 von Hamburg nach Spitzbergen” auch signiert und mit Widmung bestellt werden.

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