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Venedig ist überall – Kopien gegen Übertourismus?

Venedig ist überall Vom Übertourismus zum Neuen Original

Mit der Schaffung „Neuer Originale“ stellt Kulturökonom Bruno S. Frey eine neue Lösung gegen den kulturellen Übertourismus vor und erklärt in “Venedig ist überall”, warum solche Veränderungen gerade in Zeiten der Corona-Pandemie Sinn machen. In seinem bei Springer erschienenen Sachbuch Venedig ist überall schlägt Bruno S. Frey eine ganz neue Lösung vor, nämlich das Angebot zu erhöhen und nicht die Nachfrage zu beschränken.

Kultureller Übertourismus ist das Schlagwort für stark frequentierte und damit überfüllte historische Sehenswürdigkeiten, Museen und Städte. Dies hat negative Auswirkungen sowohl für die Orte als auch für die dort lebenden Menschen. In Reaktion darauf gibt es immer mehr Protestaktionen. Kulturträger und Bürgermeister ergreifen zunehmend Maßnahmen, um den Touristenstrom zu begrenzen. Ist dies das Ende einer „Kultur für alle“?

Angebot erhöhen, Nachfrage nicht beschränken

In seinem bei Springer erschienenen Sachbuch Venedig ist überall schlägt Bruno S. Frey eine ganz neue Lösung vor, nämlich das Angebot zu erhöhen und nicht die Nachfrage zu beschränken. Dies geschieht durch Schaffung „Neuer Originale“: wichtige Monumente werden an einem geografisch geeigneten Ort identisch kopiert. Ergänzend vermitteln digitale Informationstechnologien wie Augmented und Virtual Reality sowie Hologramme die Geschichte und Kultur der Sehenswürdigkeiten auf spannende und zugleich lehrreiche Weise. Angrenzende Hotels, Restaurants und Läden bieten die begleitende Infrastruktur. Auf diese Weise kann der Touristenstrom ökologisch nachhaltig zwischen den ursprünglichen und den „Neuen Originalen“ verteilt werden.

Neue Originale bieten Möglichkeit mit künftigen Touristenmassen umzugehen

„Im ersten Moment erscheint dieser Vorschlag erschreckend“, gibt Bruno S. Frey zu. Er erinnere an Disneylands und andere Freizeitparks. Für manche Bildungsbürger sei eine solche Idee sogar ein Kulturfrevel. Dagegen aber lässt sich nach Meinung des renommierten Kulturökonomen argumentieren, dass Besuchern eines solchen replizierten Ortes ein einzigartiges Gefühl dafür vermittelt wird, wie eine historische Stätte in der Vergangenheit ausgesehen hat, wie die Bevölkerung damals gelebt hat, und welche künstlerische Bedeutung sie hat. Sofern technische und digitale Möglichkeiten ideal eingesetzt werden, biete eine Kopie mittels eines „Neuen Originals“ den Besuchern somit vielfältige zusätzliche Informationen und Erlebnisse. Gleichzeitig werde aufgezeigt, in welcher Weise Kunst in der digitalen Welt auf ansprechende Weise vermittelt werden kann. In seinem Buch zeigt Frey, dass sein Vorschlag viele Vorteile hat und eine sinnvolle Möglichkeit darstellt, mit den bereits bestehenden und zukünftig zu erwartenden Touristenmassen umzugehen. In der bisherigen Literatur zum Übertourismus ist dieser Vorschlag nicht zu finden: Das Angebot einer kulturellen Sehenswürdigkeit auszuweiten, wurde bisher als unrealistisch angesehen.

Corona Pause nutzen über grundlegende Änderungen im kulturellen Tourismus nachzudenken

Ein Buch über „Übertourismus“ gerade zum gegenwärtigen Zeitpunkt mag überraschen, räumt Bruno S. Frey ein: „Durch die Corona-Pandemie wurde dem Übertourismus schlagartig ein Ende bereitet – gegenwärtig können wir ja sogar von ‚Untertourismus‘ sprechen.“ Erstens aber sei zu erwarten, dass sich dies erholen wird, wenn die Corona-Welle überwunden ist – vielleicht sogar „über-erholen“. Die auferlegte Pause ermögliche zudem, über grundlegende Änderungen im kulturellen Tourismus nachzudenken und könne demnach als sinnvolle Zäsur wirken. Zweitens hätten die Auswirkungen von COVID-19 ohnehin für einen Digitalisierungsschub gesorgt, so der Autor weiter: „Dieser Trend wurde durch den Zwang zur Isolierung der Menschen in ihre Wohnungen intensiviert – so haben zum Beispiel Opernhäuser unentgeltlich virtuelle Ausführungen angeboten.“ Damit seien viele Personen mit diesen Werken in Berührung gekommen, die sonst eher nicht ins Opernhaus gegangen wären. Denn mit Internet-Übertragungen eröffnen sich auch neue Qualitäten und Dimensionen, sagt Frey: „Zum einen haben alle Zuschauer eine hervorragende Sicht auf die Bühne, so dass eine gelungene Inszenierung noch besser zur Geltung kommt.“ Außerdem ermögliche eine digitale Übertragung Nahaufnahmen von den Protagonisten auf der Bühne. Deshalb lohne es sich bereits jetzt, derartige Aktivitäten zu kommerzialisieren. Mit seinem Vorschlag der „Neuen Originale“ beschreibt der Autor solch neue Möglichkeiten, Kunststätten virtuell zu gestalten und daraus ein besonderes Erlebnis zu machen.

Bruno S. Frey ist Professor für Wirtschaftswissenschaft sowie Verfasser von mehr als 25 Büchern und rund 600 wissenschaftlichen Aufsätzen zu verschiedenen Themen. Er hat fünf Ehrendoktorate in fünf verschiedenen europäischen Ländern. Frey beschäftigt sich seit vielen Jahren (auch) mit dem direkt angrenzenden Gebiet der Kunstökonomie und ist „Distinguished Fellow“ der Association of Cultural Economics, International.

Bruno S. Frey: Venedig ist überall, 115 Seiten . Softcover € 19,99 (D) | € 20,55 (A) | sFr 22.50 (CH)   ISBN 978-3-658-30278-8

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